Andrea Reichart - Iserlohnerin mit Phantasie

Wer ist eigentlich Norbert?

Heute ist Norbert nicht dabei. Komisch eigentlich, denn Norbert ist der heimliche Held der Geschichte über Andrea Reichart. Norbert ist ihr bester Freund. Er ist immer für sie da und eigentlich auch immer in ihrer Nähe. Nur heute nicht. Wo ist Norbert eigentlich? „Der liegt zuhause und schläft“, sagt Andrea Reichart. Auch gut, dann muss die Geschichte ohne Norbert funktionieren. Und das tut sie auch. 

Die Iserlohnerin und der Liebesroman

Denn sieht man es mal realistisch, ist Norbert nur ein Pointermischling. „Der beste Hund, den ich je hatte“, behauptet Reichart und erzählt von der großen Liebe zwischen ihr und ihrem Tier. Man glaubt ihr jedes Wort. Erst recht, wenn man ihr Buch „Nenn mich Norbert“ gelesen hat. Denn Andrea Reichart ist Schriftstellerin und Norbert nicht nur ihr Hund, sondern auch der Titelheld ihres ersten Romans, mit dem sie auf Anhieb eine DeLiA-Literaturpreis-Nominierung für einen der schönsten Liebesromane im Jahr 2011 schaffte. 

„Ich schreibe, seit ich schreiben kann“, erzählt die Iserlohnerin. Schon zu Schulzeiten kleine Geschichten, während des Germanistik- und Anglistikstudiums eher wissenschaftliche Arbeiten. Später dann als Verlegerin und Buchhändlerin standen bei ihr andere Autoren im Mittelpunkt – das Schreiben gab sie dennoch nicht auf. Ihre Stilblütensammlungen „Haben Sie Bücher?“ erscheint in diesem Jahr bereits in der vierten Auflage. An ihre Buchhandlung in Essen denkt sie gerne zurück, auch, weil da eine Idee geboren wurde, die sie bis heute beschäftigt. Dr. Helmut Holzhauer war damals einer ihrer Kunden und ein gern gesehener Gast für einen Plausch und eine Tasse Kaffee. „Wir haben dann häufig die verrücktesten Ideen ersponnen“, erzählt sie und: „Eine davon war die, eine Immobilie in ein Literaturhotel zu verwandeln.“ 

Eine verrückte Idee: Der Umbau eines verwunschenen Schlosses

Dass diese Idee längst nicht so verrückt ist, wie sie den beiden damals erschien, wissen alle, die schon einmal das Iserlohner Literaturhotel besucht haben. Doch bis dahin war es ein langer Weg. „Ich habe einfach im Netz nach Immobilien gesucht und habe dann ein Haus gefunden, das aussah wie ein verwunschenes Schloss“, erzählt sie. Schon bei seinem nächsten Besuch macht Dr. Holzhauer ihr allerdings einen Strich durch die Märchenschloss-Fantasie in dem er sagt: „Das ist kein Schloss, das ist das Franzosenhohl.“ In Kindertagen hatte er, wie viele andere Ruhrgebietler auch, seine Ferien im sauerländischen Iserlohn verbracht. Der Stadtwald rund um das Franzosenhohl war ihm Spielplatz und Abenteuer zugleich. 

Abenteuerlich, so beschreibt auch Andrea Reichart ihren ersten Eindruck vom Hotel Franzosenhohl. „Eine Bauruine, in der allerlei Kleingetier hauste, aber mit einem Hotel nichts mehr gemein hatte. Die Wände waren feucht, die Mauern verfallen und die Arbeit, die auf uns wartete, fast unüberschaubar“, sagt Reichart. Doch mit der Idee eines Literaturhotels im Kopf und dem passenden Konzept von Andrea Reichart dazu in der Tasche, lässt Dr. Holzhauer das Gebäude zwei Jahre lang kernsanieren, bevor das Literaturhotel Franzosenhohl im Mai 2008 endlich seine Türen für Gäste öffnen kann. Andrea Reichart teilt sich die Geschäftsführung mit Hilla Holzhauer, der Tochter des Eigentümers. Als die Stiftung Lesen nur ein Jahr später das Hotel für „die herausragende Initiative“ auszeichnet, werden Reichart und Holzhauer von Gästen und Medien überrannt. Weltweit fragen Medienunternehmen nach Interviews an, das Hotel mit seinen 24 Zimmern ist chronisch ausgebucht, die Website mit 40 000 Besuchern pro Monat überlastet – und die Geschäftsführerinnen erkennen, dass ihre aktive Zeit im Hotel zu Ende ist. „Man muss es ja auch überleben“, erzählt Reichart von ihrem Ausstieg und dem Einstieg des heutigen Hoteldirektors Carsten Griesbach. 

"Endlich wieder Zeit zum Schreiben" - Genuß der Ruhe in Balve

Doch Müßiggang ist nicht Andrea Reicharts Ding. Die Gelegenheit des beruflichen Umbruchs nutzt sie auch für einen privaten Umzug aufs Land, nach Balve-Volkringhausen. „Endlich wieder Zeit zum Schreiben“, sagt Reichart und erzählt, wie sie nach der stressigen Zeit als Managerin wieder Ruhe findet und die Gelegenheit für lange Spaziergänge mit ihrem Hund Norbert nutzt. Die Idee, ihren Hund zum Titelhelden eines Buches zu machen, schlummerte da schon in ihr. Doch erst die Menschen in ihrer neuen Umgebung, mit denen sie bis heute freundschaftlich eng verbunden ist, machen die Geschichte „Nenn mich Norbert“ rund. Vier Monate lang schreibt sie an dem Roman mit ganz viel Herz und noch mehr Hund, bevor das Buch vom Mönning-Verlag in Iserlohn veröffentlicht wird. Die erste Auflage ist nach zwölf Wochen vergriffen und Andrea Reichart staunt. Doch da weiß sie noch nicht, dass der Verlag ihren Roman für den DeLiA-Literaturpreis eingereicht hat und dort auf Anhieb eine Nominierung als einer der besten Liebesromane des Jahres 2011 erlangte. 

„Als ich von der Nominierung hörte, habe ich mich erst mal gewundert, dass ‚Norbert‘ als Liebesroman gesehen wurde – und dann musste ich erst mal herausfinden, was DeLiA überhaupt ist“, sagt sie. Von der Vereinigung deutschsprachiger Liebesromanautoren hatte Reichart, wie viele andere auch, noch nie etwas gehört. Doch jetzt gehörte sie als Nominierte irgendwie dazu. „Das hat mich schon stolz gemacht, hierfür nominiert zu werden.“ Nach der Gala anlässlich der Verleihung des Literaturpreises – immerhin trat sie hier gegen bekannte Autoren wie Kerstin Gier, Susanne Falk und Eva Völler an – tritt Reichart dem Verein bei und ist seither selbst eine DeLiA. 

In Iserlohn schließt sich der Kreis 

Im April 2013 findet die Verleihung des DeLiA-Literaturpreises in Iserlohn statt. Und damit schließt sich irgendwie der Kreis, denn dass die Autorinnen und Autoren gerade die Waldstadt hierfür wählten, ist auch Andrea Reichart zu verdanken. Schon 2011 hatte sie gemeinsam mit Vertretern verschiedenster Iserlohner Institutionen und der Stadt die NRW Literaturtage in Iserlohn erfolgreich betreut. 

Trotz aller Arbeit für die Veranstaltung im Frühling sieht Andrea Reichart den Vorbereitungen auch mit einem Kribbeln im Bauch entgegen. Denn auch diesmal wurde wieder ein Buch von ihr eingereicht, um den wichtigsten Literaturpreis dieses Liebesromangenres zu gewinnen. Mit „Safranträume“ geht sie ins Rennen. Und falls es diesmal nicht klappt, auch nicht schlimm: „Die eine Nominierung kann mir niemand mehr nehmen, das bleibt mir ein Leben lang.“

Mehr Reichart: Wer mehr über die Bücher von Andrea Reichart erfahren möchte, findet auf der Homepage www.leseziel.de oder www.nenn-mich-norbert.de mehr zu ihren Büchern. Derzeit arbeitet Reichart an einem historischen Roman und einem Krimi. Im Lokalfunk bei Radio MK kann man Andrea Reichart hören, dort moderiert sie die Sendung „Literatur zu Gast“. 

Quelle: Vielen Dank: Der Artikel ist erschienen im lesenswerten Magazin "MK Lifetime" (06/2012). Autor: Edda Scharfe, Fotos: Cédric Nougrigat