Mein Leben in Südwestfalen - Geseke statt Berlin

10 Jahre Berlin waren wunderbar. Aber irgendwann war der Zeitpunkt gekommen zu gehen. Doch wohin? „Erstmal Wohnung kündigen, wird schon was kommen“, dachte ich mir. Drei Wochen vor meinem Auszug hatte ich immer noch nichts. Nur das Gefühl, ich könnte ja wieder ins Rheinland ziehen, von dort wo ich mal her kam. Dann kam ein Anruf von einem entfernten Bekannten, mit dem ich im Leben nicht gerechnet hatte. Ich erzählte ihm von meinem Vorhaben und er hatte spontan drei Vorschläge. Ich sollte den letzten und dritten in die Tat umsetzen. Ein Umzug nach Düsseldorf, bzw. Meerbusch. In eine WG, die sich allerdings in einem Neubaugebiet befand und eher einem Hühnerkäfig glich, wie ich dann erschrocken feststellen musste als es bereits zu spät war und ich mit dem Umzugswagen vor der Tür stand. Die ich bis dato genauso wenig kannte wie meinen neuen Mitbewohner. Mein neuer Mitbewohner sollte genau neun Monate später mein Mann werden. 14 Monate später zogen wir nach Geseke. Einfach so. Wir wollten gemeinsam einen Neuanfang an einem Ort und in einer Region beginnen, in der wir beide noch nicht gelebt hatten.

Ausgetretene Pfade verlassen

Tatsächlich hatten wir im Schloss Eringerfeld auch schon einmal Ostern verbracht. Uns gefiel damals bereits die flache und weite Landschaft und die Nähe zum Sauerland. Dass wir dann noch durch einen Zufall unser Traumhaus mit der Möglichkeit zum Wohnen und Arbeiten in Geseke finden sollten, hätten wir uns damals nicht träumen lassen. Dazu muss man wissen, dass ich in den zehn Jahren gelebtes und geliebtes Berlin auch Kunstgeschichte, Gestaltung und Französisch studierte, in einem renommierten Kunsthandel arbeitete und nebenbei noch Ausstellungen und Lesungen in einem eigens gegründeten Projektraum für junge Gegenwartskünstler ausrichtete. Und dann verschlägt es einen aufs Land und dann noch nach Geseke? Die Verwunderung und Zweifel bei allen anderen war sehr groß. Wenn ich erzählte, dass wir aus Düsseldorf nach Geseke ziehen wollen oder auch als wir es bereits getan hatten, sahen wir in ausschließlich große, ungläubige Augen - und das ist für mich rückblickend der beste Grund, warum wir hierhin gezogen sind. Einfach mal ausgetretene Pfade verlassen und seinen eigenen Weg gehen. Wenn sich andere darüber wundern, sollte man das einfach als Bestätigung empfinden. Bereut haben wir diese Entscheidung bis heute kein einziges Mal.

Beruflich schnell Fuß gefasst

Beruflich lief es von Beginn an gut: Für das Rittergut Störmede steuerte ich Texte und Bilder für eine Broschüre bei, die zur Neueröffnung verteilt wurde. Durch den Hausherren des Rittergutes konnte ich einen wichtigen Arbeitskontakt zur Geschäftsführerin von „Westfalen Classics“ knüpfen, die für ein weiteres Kulturhighlight der Region steht und auch mit Herz und Seele das nach vorne bringen möchte, wonach sich doch mehr sehnen als man denken mag. Auch hatte ich ziemlich schnell zum Vorsitzenden des Kulturrings Störmede einen guten Draht. Über ihn erhielt ich einige weitere Aufträge im Kulturbereich, und dank seiner Weiterempfehlung habe ich einen wichtigen Auftrag bei der Volksbank Störmede gewonnen. Als der Fliegerhorst Störmede als Erinnerungspfad geschichtlich und touristisch aufbereitet werden sollte, fragte man mich, ob ich die grafische Gestaltung der Wegetafeln übernehmen möchte. Die technische Aufarbeitung der Tafeln übernahm mein Mann, der ein Unternehmen für Werbetechnik führt. Er profitierte zudem davon, dass nach unserem Umzug eine eingesessene Werbetechnikerin ihr Geschäft schloss.
In Berlin hatten fast alle immer Angst, dass ein anderer einem etwas wegnehmen könnte. Kompetenzgerangel und zu viel Arbeitslosigkeit. Aber Jobs für Kulturschaffende gibt es sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Eine Freundin von mir, die zeitgleich von Leipzig über Düsseldorf nach Dortmund zog, hatte im Sauerland einen Projektauftrag und konnte zwei Jahre lang dort für die Stadt arbeiten. Hier in Südwestfalen sind mehr und andere Dinge möglich, von denen ich freilich zu Beginn des Umzugs auch noch nichts wusste. Beschenkt wurden wir mit einem Menschenschlag, wie ich ihn in der Großstadt schon kaum noch kannte. Die Menschen werden hier immer als stur und dickköpfig beschrieben. Aber das ist meiner Erfahrung nach auch nur ein Vorurteil, so wie es diese immer über gewisse Regionen oder Gruppen gibt.

Werte bewahren

Wir haben die Geseker als offenherzig und sehr lebendig kennengelernt. Menschen, die nicht nur Werte haben, sondern diese auch leben und ganz oft Entscheidungen treffen, die von Herzen kommen und die vorher nicht kaputt diskutiert wurden. Menschen, die nicht wie ferngesteuert durch eine Gegend rennen, und die nicht an einem Ort wohnen, weil dieser „in“ ist, oder wo es jeder dem anderen gleichtun will.  Identifikation findet hier auf ganz unterschiedlichen Wegen statt und wenn Geseke an Sinnenreizen weniger zu bieten haben mag als eine Großstadt - sie geht einem trotzdem richtig unter die Haut. Und das nachhaltig.

Wahrnehmen, nicht bewerten

Wer meint, auf dem Dorf passiert nichts, der sollte - wie ich - eines Besseren belehrt werden. Am Anfang hatte ich dazu auch tatsächlich einen Kulturschock, den kannte ich bislang nur aus der Theorie. Man muss schon erstmal lernen, was es heißt, auf dem Dorf zu leben. Fern von Menschenrummel und der Möglichkeit, nur ein paar Schritte von der Haustür entfernt direkt in einem Café zu landen, in dem bereits viele andere Studis sitzen und ihren Tag mit einem fantastisch aufgebrühten Cappuccino aus der Siebträger-Maschine beginnen. An einem Ort, der nicht mit den vielen Kulturangeboten einer Metropole, einzigartigen Geschäftsideen, Ausstellungen oder Konzerten mithalten kann und in dem Vereine und Schützenfeste den Ton anzugeben scheinen. Aber was braucht man denn auch, um richtig glücklich zu sein?
Mit einem Auge, das nur wahrnimmt und nicht bewertet, kann Geseke zu der schönsten Stadt werden, in der man je gelebt hat. Und wenn man sich die vielen Unternehmer ansieht, die sich hier angesiedelt haben, dann merkt man, dass diese in keiner Weise denjenigen nachstehen, die in der Großstadt für sich behaupten, den Ton anzugeben. Ganz im Gegenteil: Man setzt sich zusammen und schaut, dass man gemeinsam etwas auf die Beine stellen kann und nicht jeder in seinem eigenen Pott rumrührt. Für so etwas steht das Geseker Wirtschaftsnetzwerk, das durch firmeninterne Vorträge mir Türen in Welten geöffnet hat, die ich ja durch meinen kulturhistorischen Background so auch noch nicht kannte. Da konnte mein Mann dann auch sehr gut ansetzen und Kontakte knüpfen.

Für jeden ist etwas dabei

Fazit: hier ist noch vieles möglich und machbar. Was nicht da ist, kann geschaffen werden und wenn man einen Missstand sieht: dann kann man diesen doch ändern und etwas so gestalten, wie man es gerne hätte. Oder man akzeptiert es so wie es ist und genießt das, was da ist. Ich habe für mich einen Raum mit viel Freiheit und Wohlgefühl gefunden - in unserem Haus und dank der Natur; einen Raum, der mir Menschen zeigt, die ich großartig finde, weil sie einfach so sind wie sie sind und einen Raum, in dem sich berufliche Möglichkeiten auftun, an die ich so noch nie gedacht hatte. Warum immer einen Vergleich zu Großstadt ziehen. Dieser hinkt zwangsläufig. Aus dem Schöpfen was bereits da ist und es hundertprozentig leben. Für jeden ist etwas dabei.

Daniela Stursberg