Jahrhundertelang war die Verhüttung und Weiterverarbeitung von Eisen und anderen Metallen der prägende Faktor für die südwestfälische Region. Schon weit vor unserer Zeitrechnung begann im Siegerland die Gewinnung und Verarbeitung von Eisen in Rennöfen - der La-Tène-Ofen in Wilnsdorf/Kreis Siegen-Wittgenstein ist hier ein besonders gut erhaltener Zeitzeuge. In der Waldschmiedezeit des Mittelalters, deren Blütezeit vom 10. bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts reichte, stieg dann die gesamte Region Südwestfalen zu einem europäischen Zentrum des Eisengewerbes auf. Ergiebige Erzvorkommen, der für die Holzkohlenvermeilerung wichtige Reichtum an Wäldern sowie die landwirtschaftlich kaum nutzbaren Böden in überwiegend steilen Hanglagen begünstigten die Entwicklung des Metallhandwerks. Mehr als mittlerweile 2000 dokumentierte Hüttenplätze mit Rennfeuern und Schachtöfen allein auf dem Gebiet des heutigen Märkischen Kreises belegen dies eindrucksvoll.

Ohne Wasser lief hier nichts


Ab der Mitte des 13. Jahrhunderts revolutionierte die Wasserkraft die Verhüttung und die nachfolgende Weiterverarbeitung des Eisens. Voraussetzungen dieses Prozesses waren die durch das Gebirge und den Wasserreichtum geprägte Landschaft. Um 1250 wurde die Technik der wassergetriebenen Floßöfen unter anderem im südlichen Teil der Grafschaft Mark entwickelt; aus dem Siegerland liegt aus dem frühen 14. Jahrhundert das älteste schriftliche Zeugnis für die Existenz einer Floßofenhütte in der Region vor. Diese mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Hochöfen produzierten kontinuierlich größere Mengen Roheisen, die den auf Wasserkraft basierenden Schmiedehämmern, Drahtziehereien und Drahtverarbeitungsgewerben, z. B. der Nadelherstellung, das benötigte Rohmaterial lieferten.

Die dadurch bedingte Konzentration der Arbeitsstätten auf die Täler prägt bis heute die Siedlungsstruktur Südwestfalens sowie die Arbeit, das Leben und die Mentalität der hier ansässigen Bevölkerung. Eine große Anzahl gut erhaltener baulicher Zeugen, die als vor- und frühindustrielle Gewerkelandschaft das Potenzial zum Weltkulturerbe haben - wie z. B. die Luisenhütte in Balve -, dokumentiert noch heute die geschichtlichen Wurzeln der Region Südwestfalens.

Getrennt gemeinsam ans Werk


Besonders augenfällig ist, dass in der Region sämtliche Arbeitsschritte von der Eisen- bzw. Metallgewinnung bis hin zur Herstellung von Endprodukten erhalten geblieben sind. Der arbeitsteilige Fertigungsprozeß zeichnete sich in Südwestfalen schon im 16. Jahrhundert ab: Während im märkischen Sauerland der Bergbau wegen der vergleichsweise geringen Ausbeute abnahm, wurde Eisenerz aus dem Siegerland eingeführt - darüber hinaus importierten die Märker auch kohlenstoffreiches Roheisen aus dem Siegerland und dem Bergischen Land und frischten es in den märkischen Hämmern auf.

Die Region prägt die Landschaft

Schon zu dieser Zeit begann die Wirtschaft in zunehmenden Maße die Landschaft zu prägen: Um dem steigenden Holzkohlebedarf gerecht zu werden, und dennoch den Raubbau am Wald in Grenzen zu halten, entwickelten sich besondere Formen der Waldbewirtschaftung wie die Niederwaldwirtschaft oder die einmalige Haubergwirtschaft im Siegerland. Die heutige Monokultur (Nadelhölzer) unserer Wälder zeigt, wie intensiv die jahrhundertelange Nutzung der vorhandenen natürlichen Ressourcen die ursprüngliche Landschaft verändert hat.

Wirtschaftliche Überflieger...

Nach dem Dreißigjährigen Krieg überflügelte die Region hinsichtlich der Eisenherstellung und -weiterverarbeitung sogar die bis dahin im Metallgewerbe führende Reichs- und Weltstadt Nürnberg. Insbesondere im Ziehen und Verarbeiten von Draht erlangte sie eine Monopolstellung, die weit über Deutschland hinaus wies.

Diese herausragende Position blieb bis zum Aufstieg der neuen industriellen Zentren im Ruhrgebiet, im Saarland und in Oberschlesien Mitte des 19. Jahrhunderts unangefochten. Obwohl die ersten industriellen Hochöfen, Puddel- und Walzwerke auf dem europäischen Kontinent noch in Südwestfalen angesiedelt wurden, brachte das Industriezeitalter für das märkische Sauerland das Ende der Eisenherstellung mit sich. Diese konnte in den neuen Industrieregionen wirtschaftlicher betrieben werden - lediglich im Siegerland wurde bis in die 1970er-Jahre Eisen gewonnen; heute erzeugt dort nur noch ein Elektrostahlwerk Stahl.

... und hochqualifizierte Spezialisten

Statt dessen spezialisierte sich die südwestfälische Region in Abgrenzung zum benachbarten Ruhrgebiet zunächst erfolgreich auf die Kleineisenindustrie, insbesondere auf das Schmiede- und das Drahtgewerbe. Im Siegerland wurde mit den Stahl- und Reckhämmern der Grundstein für die späteren Walzwerke und den Röhrenbau gelegt. Die aus den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gewerbestrukturen hervorgegangene mittelständisch orientierte Draht-, Schmiede- und sonstige Metallverarbeitende Industrie differenzierte sich immer weiter aus. Wichtige Produktionszweige wurden die Oberflächenveredelung, der Maschinenbau, die Elektroindustrie, die Kunststoffindustrie und der Fahrzeugbau. Südwestfälische Unternehmen besetzten Marktnischen, in denen sie jeweils weltweit führend waren und oft noch sind. Ein charakteristischer Schwerpunkt in der Region ist die weit verzweigte Zulieferindustrie für die Automobilproduktion. Sie nimmt hier eine Schlüsselrolle ein.

Wasser ohne Ende

Luisenhütte Balve-Wocklum

Nachdem das Wasser seine Bedeutung als Antriebsenergie für das produzierendeGewerbe verloren hatte, erlebte dieses Element seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Südwestfalen eine Renaissance durch den Talsperrenbau. Anfangs wurden die landschaftlich prägenden Talsperren benötigt, um die Energieerzeugung für die Industrie und die Trinkwasserversorgung der Region zu gewährleisten. Bald jedoch erfolgte der Bau von Talsperren vorrangig für die Trinkwasserregulierung des benachbarten Ruhrgebiets. Der hohe Freizeitwert vieler Talsperren in der Region für Wassersport und Wandertourismus ist ein ursprünglich nicht einkalkulierter positiver Nebeneffekt dieser Wasserbauwerke, der heute erheblich zur Attraktivität Südwestfalens und zur Steigerung der Lebensqualität vor Ort beiträgt.

Im 19. Jahrhundert prägte noch eine weiter einschneidende technische Entwicklung die Region: der Bau der Ruhr-Sieg-Strecke und die damit verbundene Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schienen trieb die Arbeitsteilung in der Region voran, und verstärkte die Vernetzung der Ortschaften miteinander.

Wasser-Eisen-Land: in der Vergangenheit liegt die Zukunft

Vor dem Hintergrund dieser historischen Entwicklungen und Gemeinsamkeiten wird deutlich, wie sehr die gesamte Region WasserEisenLand von der Dreierbeziehung Industrie - Geschichte - Landschaft geprägt war und ist. Berge, Wasser und Bodenschätze führten zu einer frühen Spezialisierung der Einwohner auf die Metallhandwerke. Aus den historischen Produktionsstätten in den Tälern wuchsen im Laufe der Jahrhunderte moderne Betriebe, die es verstehen, erfolgreich in Marktnischen zu dringen und mit hochqualitativen Produkten konkurrenzfähig zu sein. Ihre wirtschaftlichen Verflechtungen sind weltweit und ihre Technologien zukunftsweisend. Zugleich pflegen die Unternehmer eine enge Verbundenheit mit ihrer regionalen Herkunft, die sich zum Beispiel in zahlreichen Vereinsaktivitäten ausdrückt. Bodenständigkeit und Internationalität sind in Südwestfalen keine Gegensätze, sondern zwei Seiten derselben Medaille.

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Quelle: Wasser-Eisen-Land e.V.