Sehenswerte Orte in Südwestfalen - Teil 26: Hilchenbach-Grund: Das „Jung-Stilling-Dorf“

Hilchenbach-Grund: Das „Jung-Stilling-Dorf“

Ein biografischer Ausflugstipp

Hilchenbach – Die wohl bekannteste Persönlichkeit, die jemals in der Stadt Hilchenbach das Licht der Welt erblickte, ist Johann Heinrich Jung, genannt Jung-Stilling. Geboren wurde der Augenarzt, Wirtschaftswissenschaftler und Schriftsteller am 12. September 1740 in Grund, einem seit 1969 eingemeindeten Stadtteil von Hilchenbach. Grund ist nicht nur das „Jung-Stilling-Dorf“ – 2011 machte man auch von sich reden, als man beim Wettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft“ als Gold-Dorf ausgezeichnet wurde.

Jung-Stilling hat dazu freilich seinen Teil beigetragen, steht doch auf Grunder Grund das Geburtshaus des späteren Professors und Begründers des Staatswissenschaftlichen Instituts von Marburg im Jahre 1789. Zudem hat Hilchenbach-Grund den „Jung-Stilling-Pfad“ zu bieten. Es handelt sich hierbei um einen Rundweg, der das Geburtshaus mit der Ginsburg verbindet, die zu einem genüsslichen Blick auf die Weiten des Rothaargebirges, des südlichen Sauerlandes und auch des Siegerlandes einlädt.
Doch zurück zu Jung-Stilling: Zu Lebzeiten, also vor seinem Tod am 2. April 1817 in Karlsruhe, erlangte er Bekanntheit weit, weit über das Siegerland hinaus – um nicht zu sagen: weltweit. So war er beispielsweise der erste Mensch, der am lebendigen Auge eine Operation durchführte. Summa summarum beläuft sich die Zahl seiner operativen Eingriffe letztlich auf mehr als 3.000. Was ihn hierbei noch weit mehr auszeichnete, war die Tatsache, dass er seine wertvollen Dienste auch den Menschen anbot, die weniger (oder gar nicht) betucht waren. „Es gibt keine Niedrigkeit des Standes – wenn die Seele geadelt ist“ – eine markante Aussage Jung-Stillings, die auf einem Gedenkstein vor der Evangelischen Kirche in Hilchenbach, nahe dem Marktplatz, für die Ewigkeit festgehalten wurde.

Auch – und gerade – als Literat tat sich Jung-Stilling hervor. Die Erziehungsromane „Die Geschichte des Herrn von Morgenthau“, „Die Geschichte Florentins von Fahlendorn“ und „Leben der Theodore von der Linden“ sind hier ebenso zu nennen, wie der aus vier Bänden bestehende religiöse Epos „Das Heimweh“ – Jung-Stillings Hauptwerk.
Johann Wolfgang von Goethe, Weggefährte und Vertrauter, ließ ohne das Wissen und Zutun von Jung-Stilling dessen Lebenserinnerungen veröffentlichen, betitelt „Heinrich Stillings Jugend“. In den Reigen der autobiografischen Werke reihten sich anschließend noch „Heinrich Stillings Jünglingsjahre“, „Heinrich Stillings Wanderschaft“, „Heinrich Stillings häusliches Leben“ und „Heinrich Stillings Lehrjahre“ ein. Die „wahrhaften Geschichten“ erschienen allesamt zwischen 1777 und 1804.

Wer sich auf die Spuren von Johann Heinrich Jung machen möchte, der sollte das Geburtshaus in Hilchenbach-Grund aufsuchen und das Vermächtnis auf sich wirken lassen. 1928 aufgrund eines Feuers fast komplett zerstört, wurde das Haus durch den Siegerländer Heimat- und Geschichtsverein im selben Jahr erneut aufgebaut. Es wurde hierbei eine Gedenkstube zu Ehren Jung-Stillings errichtet, die u.a. Instrumente beherbergt, die vom Augenarzt bei operativen Eingriffen nach der Daviel’schen Methode eingesetzt wurden – Besichtigung erwünscht!
Unbeantwortet ist indes nach wie vor die Frage, warum Johann Heinrich Jung den Beinamen „Stilling“ trug. Diverse Theorien stehen im Raum – eine abschließende Aufklärung steht hingegen noch aus.

Quelle: Text: Carsten Dringelstein Fotos: Stadt Hilchenbach