Interview: Umzug von Augsburg nach Südwestfalen

"Das ist es - so wollen wir leben"

Sommernachtstraum: Rehkitze im Garten, Glühwürmchen bei Nacht. Titia und Judith Grefe bildeten die Vorhut. Zusammen schauten sie sich das denkmalgeschützte Kötterhaus von 1780 an. Mutter und Tochter wussten sofort: „Das ist es – so wollen wir leben!“ Seit Mitte 2009 wohnt die Familie in dem Fachwerkbau mit dem großen Garten am Waldrand in Werdohl. Abgeschieden und doch relativ zentral: Die Autofahrt ins Dortmunder Zentrum dauert eine halbe Stunde, der Weg nach Lüdenscheid sogar nur zehn Minuten.

Klaus Grefe (44) erklärt: „Wir sind in der komfortablen Situation, unseren Standort frei wählen zu können.“ Er und seine Frau Judith (46) führen als Selbstständige ein Team von Wirtschaftspsychologen und beraten Unternehmen bei der Gewinnung von Fachkräften. Die Stadt Augsburg, in der sie zuvor in einer typischen Vorort-„Schlafsiedlung“ wohnten, wollten sie zugunsten einer ländlichen Region verlassen. Lange waren die drei auf der Suche nach etwas Besonderem, zunächst im Großraum München. Das, was dort angeboten wurde, gefiel ihnen jedoch nicht oder war unangemessen teuer.

Zahlreiche attraktive Angebote

Judith Grefe machte den Vorschlag, in Südwestfalen auf die Suche zu gehen. Von Villen bis hin zu Bauerhäusern – schon bald lagen zahlreiche attraktive Angebote vor. Bei dem Anwesen in Werdohl passte dann alles zusammen. Ganz fremd ist die Familie nicht in der Region. Judith Grefe stammt aus Dahle bei Altena, wo ihre Eltern heute noch leben. „Es waren aber keine familiären Gründe, die uns bewegt haben, diesen Schritt nach Südwestfalen zu gehen, sondern eher der Vergleich mit den Regionen, in denen wir bis dato gelebt hatten“, betont sie. „Wenn wir zum Beispiel einkaufen mussten, war der ganze Nachmittag weg. Hier in Werdohl gibt es alles, was man so braucht, in einem Kaufhaus.“

Bei der Gartenarbeit ist „tierisch“ viel los

Ein Abschied war es schon, damals 2009, und „erst mal ein bisschen komisch“, gibt Titia zu. Die Zwölfjährige war traurig darüber, dass sie ihre Freundinnen in Augsburg zurücklassen musste. Doch jetzt besuchen sie sich in den Ferien gegenseitig. Auf ihrer heutigen Schule, dem Zeppelin-Gymnasium in Lüdenscheid, hat sie schnell neue Gefährtinnen gefunden. Auch Titia findet das Leben mitten in der Natur toll – das erste Mal allerdings, als sie aufwachte und ein Reh vor ihrem Fenster sah, erschrak sie. Rehkitze im Garten, kaum störende Straßenbeleuchtung, stattdessen in den Sommernächten Glühwürmchen.

„Ein echter Sommernachtstraum!“ Noch immer steht sie so manches Mal „mit offenem Mund“ da, ob all der Schönheit, die ihnen einfach geschenkt wurde. Ihr Mann teilt diese Begeisterung. Er hat sogar schon öfter Füchse, Dachse und Feuersalamander gesehen. Klaus Grefe, zuständig für die Gartenarbeit, hat – aller Tierliebe zum Trotz – einen Zaun um das Grundstück gezogen. Alles will die Familie schließlich nicht mit den Rehen teilen.

Mehr Sein als Schein

Was macht die Region so attraktiv? „Man lebt entspannt und ohne Großstadt-Stress. Wir sind hier weniger abgelenkt und haben viele kreative Ideen“, erklärt Klaus Grefe. „Wir leben hier, wie die Zeitschrift ,Landlust‘ das Landleben beschreibt, jedoch mit der direkten Anbindung an das Business.“ Die mittelständische Wirtschaft am Standort sei eine durchaus „attraktive Klientel“ und die Region – auch kulturell und was die Freizeitangebote angehe – „sehr spannend“. Grefe sieht nicht nur für sein Unternehmen „gute Chancen für eine positive Weiterentwicklung“. Zudem sind die Menschen hier „bodenständiger und ehrlicher“, nicht so „oberflächlich Schickimicki“. In der Region gelte eher: mehr Sein als Schein. Dass die Menschen allerdings zurückhaltender sind, hat der Familie den Start nicht erleichtert: Im Internet und in Zeitungen haben die Grefes nach Informationen über die Region gesucht. Das Angebot war sehr begrenzt. Sie hätten sich sicher schneller eingewöhnt, „wenn einen der ein oder andere angesprochen“ oder „eine Tür geöffnet“ hätte. Trotzdem – die Entscheidung, nach Werdohl zu ziehen, bedauert keiner der drei.

Quelle: Regionale-Magazin Südwestfalen (Winter 2013)