3. Mai 2016. Einen außergewöhnlichen Raum zu schaffen, um mit etwas Abstand, Ruhe und Kreativität das Thema Integration zu durchdenken - das war das Ziel des bundesweiten Workshops „Integration als Chance für den ländlichen Raum“.

Dass der zweitägige Workshop in Südwestfalen stattfand, war kein Zufall: Bewusst suchte sich die Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS) mit der Südwestfalen Agentur als Kooperationspartner eine Region aus, die optimalen Nährboden und positive Beispiele für gelingende Integration bietet.

Zu zwei Tagen voller Inspiration, Gelegenheit zum Gespräch und Gedankentausch luden die Veranstalter jetzt Experten und Interessierte nach Altena und Arnsberg ein

Dabei war der Workshop mit knapp 100 Teilnehmern restlos „ausgebucht“ und ein echter Erfolg: Ehrenamtliche und hauptamtliche Tätige aus Südwestfalen, Mitarbeiter aus Landes- und Bundesministerien, aus unterschiedlichen Institutionen, aber auch gut ein Dutzend Flüchtlinge selbst suchten nach Ideen, Beispielen und Lösungen, wie Zugewanderte in ländlichen Gegenden integriert – und im Ort gehalten werden können.

Beleuchtet wurde die Thematik aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln: Prof. Dr. Hildegard Schröteler-von Brandt stellte einführend dar, welche Herausforderungen und vor allem Chancen Zuwanderung und Integration in ländlichen Räumen mit sich bringen. Andreas Pletziger von der Bezirksregierung Arnsberg präsentierte Fördermöglichkeiten für Integrationsprojekte in der Regionalentwicklung. Ihre eigene Geschichte der Integration seit 20 Jahren und wie heute die praktische Arbeit vor Ort aussieht, zeigte Golnaz Talimi vom Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Siegen-Wittgenstein auf eindrucksvolle Art und Weise. Altenas Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein verdeutlichte am Beispiel seiner Stadt, wie Flüchtlinge als Neubürger willkommen geheißen und erfolgreich integriert werden können. Gerade ländliche Räume, so Hollstein, bieten gute Rahmenbedingungen dank günstiger Mietpreise, gut funktionierender Netzwerke und verhältnismäßig großes Arbeitsplatzangebot. Wichtig sei zudem, fremdenfeindlichen Tendenzen standhaft gegenüberzutreten und sich nicht abzuschotten.

Wie man Deutschland und die eigene Region kennenlernen und dabei gleichzeitig die Sprache lernen und miteinander kommunizieren kann, stellte Amelie Weinert aus Pforzheim mit ihrem Buchprojekt „Mein Deutschland“ vor. Die junge Frau aus Pforzheim, selbst ehrenamtlich mit Flüchtlingen arbeitend, hat ihre Erfahrungen in ihrer Bachelorarbeit im Bereich Visuelle Kommunikation verarbeitet und ein bemerkenswerten Arbeitsordner geschaffen, mit dem Ehrenamtliche und Flüchtlinge mit gut gestalteten Arbeitsblättern einfach und auf Augenhöhe gemeinsam Schrift und Sprache lernen können.

Besonders beeindruckt zeigten sich die Teilnehmer vom Vortrag Moneer Al-Shikhs. Der 29-jährige Syrer kam erst vor wenigen Monaten aus seinem zerrütteten Heimatland nach Deutschland und bemüht sich seither, Flüchtlinge und Kommune gleichermaßen zu unterstützen. „We serve Arnsberg“, heißt das Leitmotiv der Initiative „Neue Nachbarn Arnsberg“. Al-Shikhs Kernbotschaft: Viele Flüchtlinge fühlen sich wohl, würden aber gerne neue Freunde finden, sich aktiv beteiligen und der Stadt und den Menschen in der Region „etwas zurückgeben“.

Diskutiert, bewertet und weitergedacht wurden die Impulse anschließend in zehn Arbeitsgruppen unter den Themen „Kultur“, „Sinnstiften“, „Gemeinschaft“, „Arbeit“ und „Vernetzung“ - stets sowohl aus der Perspektive der Einheimischen als auch der Zugewanderten. Mittels der vom Zukunftsinstitut aus Frankfurt moderierten Workshop-Methode „Design Thinking“ lautete der Auftrag an die Gruppen, Problemlagen zu identifizieren und passende, möglichst konkrete Lösungen zu finden. Diese wurden am Ende der Veranstaltung kreativ als Rollenspiel, als Prototyp oder Modell gebastelt oder per Plakat vorgestellt.

So schlug eine Gruppe vor, dass junge Flüchtlinge und junge Einheimische gemeinsam – quasi als Projekt ­– Exkursionen zu Unternehmen, Kulturveranstaltungen oder interessanten Orten planen und organisieren sollten. Der Effekt: die jungen Menschen lernen die Region und sich untereinander besser kennen, tun etwas gemeinsam, verbringen Zeit miteinander und finden so vielleicht neue Freunde. „Natürlich sind Busexkursionen nichts Neues“, erläutert Stephanie Arens von der Südwestfalen Agentur die Intention. „Aber wichtig ist hier der Perspektivwechsel – die Exkursion gemeinsam selbst planen, eigene Ziele definieren anstatt vorhandene Angebote zu konsumieren. So entstehen schnell Kontakte, Freundschaften und neue Blickpunkte auf die Region.“ Weitere Ideen: ein Theaterprojekt, in dem die Geschichte der Geflüchteten im Mittelpunkt steht, eine Ausbildungs- und Studier-Autobahn, auf der sowohl Zuwanderer wie auch deutsche Azubis oder Studierende parallel lernen und studieren und sich an „Raststätten“ immer wieder treffen und sich gegenseitig mit Erfahrungen, Erkenntnissen und Hilfestellen „betanken“. Auch die verbesserte Kommunikation zwischen Zugewanderten und Behörden wurde thematisiert und in Form eines kurzen Rollenspiels veranschaulicht.

„Es war spannend und beeindruckend zu sehen, wie die bunte und aus meiner Sicht ideale Zusammensetzung der Teilnehmer – Asylbewerber, Ehrenamtliche, Verwaltungsmitarbeiter und Regionalmanager – das komplexe Thema auf kreative Weise aufgegriffen und heruntergebrochen hat, so dass am Ende des Prozesses greifbare Projektideen präsentiert wurden“, zeigte sich Stephanie Arens von der Südwestfalen Agentur sehr zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung. „Das Feedback der Teilnehmer ist sehr positiv: Im Alltagsstress fehlen solche Momente, um Dinge einfach einmal neu zu denken und zu pragmatischen Lösungsansätzen zu kommen – deswegen freue ich mich, dass so viele Menschen inspiriert nach Hause fahren und Ideen mitnehmen konnten. Südwestfalen wird dabei in bester Erinnerung bleiben: Als Region, die querdenkt und Probleme löst, statt sie endlos zu diskutieren.“

In den kommenden Wochen und Monaten soll das Thema in die fünf südwestfälischen Kreise getragen und dort weiter diskutiert und weiter gedacht werden. Außerdem wird es einen Werkstattbericht zu der Veranstaltung geben, in dem Impulse, Methode und Ergebnisse des Workshops aufbereitet dargestellt werden. Der Werkstattbericht wird auf der Homepage der Südwestfalen Agentur zu finden sein.

Quelle: Fotos/ Text: Südwestfalen Agentur GmbH, Christian Janusch